Der Gipfel: Bildung neu denken in einer Welt im Wandel
Vom 9. bis 11. März 2026 fand in Tallinn die 16. Ausgabe des International Summit on the Teaching Profession (ISTP) statt – unter dem Leitthema „Switching Gears: Teachers and Learners in the Future Learning Environment“. Bildungsministerinnen und -minister sowie Vertreterinnen und Vertreter von Lehrkräftegewerkschaften aus 20 Ländern kamen zusammen, um in einem offenen, hochkarätigen Dialog über die Zukunft der Lehrkräfteprofession zu diskutieren. Mitveranstalter waren die estnische Regierung, die Estnische Bildungsgewerkschaft, Education International (EI) und die OECD.

Die Kultusministerkonferenz entsandte mich als Teaching Professional und Repräsentant der Preisträger des Deutschen Lehrkräftepreises zur deutschen Delegation – das war für mich eine außerordentliche Wertschätzung und Chance, die ich nicht hoch genug einschätzen kann.
Die drei zentralen Themenstränge des Gipfels waren die Weiterentwicklung der Lehrkräfteprofession angesichts sich wandelnder Anforderungen, die professionelle Autonomie von Lehrkräften und Schulleitungen sowie der verantwortungsvolle Einsatz Künstlicher Intelligenz und digitaler Bildungstechnologie. Das Programm umfasste neben den formalen Diskussionsrunden auch Schulbesuche und eine EdTech-Ausstellung in Kultuurikatel, dem Veranstaltungszentrum des Gipfels. Die Eröffnungssitzung wurde von Estlands Bildungsministerin Kristina Kallas sowie dem Präsidenten der Republik Estland, Alar Karis, bereichert.
Ein besonderer Moment war der Empfang durch Staatspräsident Karis, der unmissverständlich klarstellte: Es gibt kein Zurück in der Frage des KI-Einsatzes in der Bildung – Estland setzt dabei auf einen bedachten und gezielten Ansatz.
Schulbesuche: Lernen im Mittelpunkt – nicht Digitalisierung um ihrer selbst willen

Besonders eindrücklich für mich waren die Schulbesuche, die in den Gipfel eingebettet waren. Ich hatte eine „iPad-Klasse“ erwartet – schließlich gilt Estland als digitales Musterland Europas. Was ich vorfand, überraschte mich: In den Schulen steht das Lernen im Vordergrund, nicht die Technologie. KI und digitale Tools treten hier als Helfer auf, nicht als Selbstzweck, und unterstützen konsequent das Selbstlernen der Schülerinnen und Schüler. Gleichwohl erhalten die Lernenden stets dann zugriff auf digitale Endgeräte, wenn es dem Lernen und Denken dient.
Dieses Bild passt zur aktuellen bildungspolitischen Haltung Estlands: Das Ziel des estnischen AI Leap-Programms ist nicht, den KI-Einsatz unter Schülerinnen und Schülern zu steigern, sondern sicherzustellen, dass er sinnvoll geschieht. Estland formuliert es selbst so: „Wir werden KI nicht am meisten nutzen, aber wir werden sie am klügsten nutzen.“
OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher lobte diesen Weg ausdrücklich und verwies auf Estlands legendären Tiger Leap der 1990er Jahre – mit den Worten: „Der Tiger hat nie aufgehört. Der Tiger fliegt weiter.“ Heute vollzieht Estland mit dem AI Leap-Programm, das auf dem Erbe des Tiger Leap aufbaut, den nächsten großen Schritt: KI-gestützte Lernwerkzeuge werden flächendeckend in Schulen eingeführt – immer mit pädagogischem Fokus und begleitet von Forschung und Lehrerbildung.
TOP-Learnings: Was ich aus Tallinn mitnehme
- Lernen vor Digitalisierung
KI und digitale Tools entfalten ihren Wert dort, wo sie dem Lernen dienen – nicht dort, wo sie als Prestigeprojekt eingesetzt werden. Estland zeigt: Technologie muss pädagogisch eingebettet sein, nicht umgekehrt. - Frühe Selbstregulation als Fundament
Bereits ab etwa anderthalb Jahren werden in der estnischen Kita gezielt Selbstregulationskompetenzen gefördert – in Bezug auf Aufmerksamkeit, Emotionen und soziale Interaktion. Diese frühe Prägung wirkt sich sichtbar auf Ruhe, Lernfähigkeit und Kooperationsverhalten in der Schule aus. Ein Ansatz, der für unsere eigenen frühkindlichen Bildungskonzepte äußerst lohnend wäre. - Lehrkräfte brauchen ein professionelles Netzwerk – und Autonomie
In Estland sind Lehrkräfte gut ausgebildet und verfügen über ein hohes Maß an Unterrichtsautonomie. Sie werden systematisch entlastet durch ein multiprofessionelles Team aus Sozialpädagoginnen und -pädagogen, Lerntherapeutinnen und -therapeuten, Ergotherapeutinnen und -therapeuten, Psychologinnen und Psychologen sowie – gesetzlich vorgeschrieben – Pflegepersonal für den Ganztagsbetrieb. Was in Deutschland oft nebenbei von Lehrkräften mitgetragen wird, ist dort klar geregelt und professionell verankert.

Auch die Schulleitungen agieren hier äußerst autonom, sind für das Personal ihrer Schule verantwortlich, schließen Arbeitsverträge, stellen ein und entlassen. Sie prüfen, ob sie Lehrkräfte benötigen oder weitere Professionen. Das Gehalt der Lehrkräfte besteht aus einem Basisgehalt und einem variablen Teil, über das die Schulleitenden entscheiden. Ein hohes Maß an Autonomie und dennoch bin ich mir nicht sicher, ob ich diese Verantwortung als Schulleiter selbst haben möchte. Ein Schulleiter berichtete von 500 Bewerbergesprächen im vergangenen Jahr. Von den Bewerbenden war nur ein Bruchteil qualifiziert. Auch in Estland ist der Fachkräftemangel zu spüren.
- KI in der Bildung: Einigkeit im Ziel, Unterschiede im Weg
Alle Länder waren sich einig: Lehrkräfte sind heute unverzichtbar und werden es in Zukunft noch mehr sein. In der Frage des KI-Einsatzes jedoch gingen die Positionen auseinander. Lehrkräfte und Gewerkschaften plädierten für mehr Regulierung, Bildungspolitikerinnen und -politiker für mutigere Schritte. Dieses Spannungsfeld produktiv zu gestalten – das ist die eigentliche Aufgabe der nächsten Jahre. - Die Lehrer-Schüler-Beziehung als schützenswertes Gut
Der Einsatz von KI muss so gestaltet sein, dass er Lehrkräfte stärkt, nicht verdrängt – und dass Schülerinnen und Schüler geschützt werden, nicht gefährdet. Besonders die menschliche Beziehung zwischen Lehrkraft und Lernenden gilt es zu hüten.

Die Größenfrage: Was kleine Bildungsnationen leichter können
Ein Aspekt, der im internationalen Vergleich oft unterbewertet wird, verdient besondere Beachtung: Die Länder, die beim ISTP regelmäßig als Vorbilder gelten – und die auch in den PISA-Studien Spitzenplätze belegen –, sind fast ausnahmslos kleine, überschaubare Staaten. Estland mit 1,3 Millionen Einwohnern, Singapur mit 5,9 Millionen, Finnland mit 5,6 Millionen. Diese Länder verfügen über ein nationales Bildungsministerium, eine klare Zuständigkeitskette und kurze Entscheidungswege. Wenn in Estland ein KI-Programm wie der AI Leap beschlossen wird, lässt es sich innerhalb von Monaten landesweit ausrollen – in jede Schule, in jede Lehrerfortbildung, in jeden Lehrplan.
Deutschland ist strukturell eine andere Welt. Ein föderales System mit 16 Kultusministerien, einer mehrstufigen Schulaufsicht, kommunalen Schulträgern, unterschiedlichen Schulformen und Lehrplänen je nach Bundesland – das sind keine bürokratischen Hindernisse, sondern das Ergebnis gewachsener demokratischer Verantwortungsteilung. Und doch: Was in Tallinn in einer Kabinettssitzung entschieden werden kann, braucht in Deutschland oft Jahre der Abstimmung zwischen Bund, Ländern, Kommunen, Gewerkschaften und Schulträgern.
Das ist kein Grund zur Resignation – aber ein Grund zur Ehrlichkeit. Wer Best-Practice-Beispiele aus Estland oder Finnland auf Deutschland übertragen möchte, muss diese strukturelle Asymmetrie mitdenken. Der Anspruch kann nicht sein, ein Bildungssystem von der Größe Estlands zu imitieren, sondern daraus zu lernen, was innerhalb unserer eigenen Komplexität übertragbar ist: die pädagogische Haltung, der Fokus auf Selbstregulation, die Entlastung von Lehrkräften durch multiprofessionelle Teams, der kluge Einsatz von KI. Dafür braucht es kein nationales Ministerium – aber es braucht gemeinsamen politischen Willen über alle Ebenen hinweg.

Dank und Ausblick: Deutschland muss dabei bleiben
Ich danke dem Deutschen Lehrkräftepreis, der Heraeus Bildungsstiftung, dem Deutschen Philologenverband und der Kultusministerkonferenz von Herzen für die Möglichkeit, als Preisträger an diesem einzigartigen internationalen Dialog teilgenommen haben zu dürfen. Der Austausch mit Bildungsministerinnen und -ministern, Gewerkschaftsvertreterinnen und -vertretern sowie internationalen Expertinnen und Experten hat meine Perspektiven auf unser eigenes Schulsystem tief bereichert.
Deutschland nahm in diesem Jahr als Beobachter am ISTP teil, Martin Wunsch der Amtsleiter des bayerischen Kultusministeriums und ich waren die Vertreter. Das ist ein wichtiger Schritt – aber dabei sollte es nicht bleiben. Gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklungen in Europa und weltweit ist es entscheidend, dass Deutschland künftig auf ministerieller Ebene vollständig in diesen Dialog eingebunden ist. Nur wenn Politik, Gewerkschaften und Praxis gemeinsam und international vernetzt agieren, können wir Lehrkräfte auf dem Stand der Zukunft vorbereiten und die Qualität von Schule für alle Schülerinnen und Schüler nachhaltig sichern.
Der Tiger macht weiter. Und wir sollten mitfliegen.
Weitere Informationen zum Summit und zahlreiche Fotos aus den Schulbesuchen finden Sie unter: https://istp2026.ee/
Auf LinkedIn berichtete ich ebenfalls: www.linkedin.com/in/carsten-bangert-47b58a12b
Carsten Bangert, Schulleiter und Preisträger des Deutschen Lehrkräftepreises, März 2026





