Preisträger

Unterricht innovativ
2025
2. Preis

„Podcast im Deutschunterricht“

Alexandra Baum und Philipp Rohleder

v.l.n.r. Alexandra Baum, Philipp Rohleder; Foto-Credit: Deutscher Lehrkräftepreis

Projektbeschreibung

Im Grundkurs Deutsch der Jahrgangsstufe 13 an der Gerhart-Hauptmann-Schule Griesheim entstand ein außergewöhnliches Unterrichtsprojekt, das literarische Analyse mit moderner Medienproduktion verbindet: Die Erstellung eines Podcasts zum Roman „Heimsuchung“ von Jenny Erpenbeck. Ziel war es, den Schülerinnen und Schülern einen lebendigen, kreativen und praxisnahen Zugang zu einer abiturrelevanten Lektüre zu eröffnen. 

Die Projektarbeit verlief innerhalb eines Schulhalbjahres über mehrere Etappen: 

  • Ideenphase: Ausgehend von der Frage, wie man Lesemotivation und Textverständnis stärken kann, entstand die Idee, Literatur nicht nur zu analysieren, sondern sie als Hörformat neu zu interpretieren. Die Inspiration kam über das Programm „Bücheralarm“ der Stiftung Lesen, das Schulen Podcast-Equipment bereitstellt. 
  • Planungsphase: Auf die Auswahl des Romans – einer sprachlich anspruchsvollen, thematisch dichten Lektüre – folgte die Kontaktaufnahme mit dem Verlag, um ein exklusives Interview mit der Autorin zu ermöglichen. 
  • Vorbereitungsphase: intensive Auseinandersetzung mit dem Roman als Grundlage für die Podcast-Erstellung; Analyse der Erzählstruktur, Themen und Figuren des Romans. 
  • Arbeitsphase: In mehreren Gruppen übernahmen die Jugendlichen eigenständig verschiedene Aufgaben:  
  1. Redaktion & Text: Reflexion zentraler Themen (Erinnerung, Identität, Heimat) und Verfassen eigener Interpretationen und Kommentartexte 
  2. Interview-Team: Entwicklung und Erprobung von Fragen, Moderationstraining, reflektierter Umgang mit Lampenfieber 
  3. Technik-Team: Einarbeitung in Aufnahme, Schnitt und Audiobearbeitung mithilfe des Informatiklehrers 
  • Produktionsphase: Aufnahmen, Schnitt und Strukturierung des Podcasts 
  • Präsentationsphase: Einreichung des fertigen Podcasts beim Bücheralarm-Award und Teilnahme als Finalist an der Leipziger Buchmesse
Der Deutsch-Kurs wurde vom Hessischen Ministerium für Kultus, Bildung und Chancen in Kooperation mit der Stiftung Lesen mit dem Podcast-Koffer von BÜCHERALARM ausgestattet; Foto-Credit: Gudrun Hausl

Die Schülerinnen und Schüler gestalteten ein rund 30-minütiges, professionell produziertes Hörformat, das literarische Reflexion, eigene Interpretationen und ein Interview mit der Autorin vereinte. Der gesamte Prozess verlangte Kreativität, kritisches Denken, Medienkompetenz und Teamarbeit – Fähigkeiten, die weit über den klassischen Deutschunterricht hinausreichen. Der Erfolg beim bundesweiten Wettbewerb (1. Platz) machte den Lernenden eindrucksvoll bewusst, wie aus schulischer Arbeit ein öffentlich wirksames Medienprodukt entstehen kann.

Das Besondere

Das Projekt zeichnet sich durch seine innovative Verbindung von Literaturunterricht und digitaler Medienbildung aus. Anstatt den Roman „Heimsuchung“ nur analytisch zu besprechen, verwandelten die Schülerinnen und Schüler ihre Erkenntnisse in ein kreatives Hörformat – sie wurden von Rezipientinnen und Rezipienten zu Produzentinnen und Produzenten. Ihre Medienkompetenz wuchs, indem sie digitale Werkzeuge gezielt einsetzten, um Unterrichtsinhalte reflektiert, kreativ und zeitgemäß zu präsentieren. Besonders bemerkenswert waren dabei ihre intensive Teamarbeit und ihr zunehmend selbstständiges, lösungsorientiertes Handeln. 

Besonders war die Verknüpfung von Deutsch und Informatik: Die technische Umsetzung erfolgte in enger Zusammenarbeit mit einem Informatiklehrer, der die Jugendlichen in Audiotechnik und Schnittsoftware einführte und unterstützte. Diese interdisziplinäre Kooperation verdeutlicht den Mehrwert fächerübergreifender Bildung und zeigt, wie technische und literarische Kompetenzen sich gegenseitig ergänzen. 

Ebenso innovativ war die konsequente Förderung der vier K-Kompetenzen – Kreativität, kritisches Denken, Kommunikation und Kollaboration. Die Lernenden mussten komplexe Inhalte analysieren, im Team koordinieren und technische Herausforderungen meistern. 

Die hohe Eigenverantwortung, die sie übernahmen – bis hin zu selbstständigen Arbeitsphasen in den Ferien – belegt, wie stark das Projekt Motivation und Selbstwirksamkeit förderte. Die Integration realer Begegnungen, etwa mit der Autorin auf der Leipziger Buchmesse, verlieh dem Projekt Authentizität und Relevanz. So wurde Literaturunterricht zu einem Erlebnisraum, in dem Sprache, Technik und Kreativität eine lebendige Einheit bilden.

Erfahrungen und Ergebnisse

Das Projekt hatte weitreichende pädagogische und persönliche Effekte. Es stärkte das literarische Verständnis, die Ausdrucksfähigkeit und die digitale Kompetenz der Schülerinnen und Schüler gleichermaßen. Sie lernten, analytische Inhalte für ein Publikum verständlich und spannend aufzubereiten – eine Fähigkeit, die in Schule, Studium und Beruf von großem Wert ist. 

Durch die Teamarbeit erlebten sie, wie Kooperation, Planung und Kommunikation zum gemeinsamen Erfolg führen. Das gewonnene Selbstvertrauen zeigte sich nicht nur in der professionellen Umsetzung des Podcasts, sondern auch im souveränen Auftreten auf der Leipziger Buchmesse. Die Lehrkraft bestärkte die Jugendlichen darin, Neues zu wagen und ihre Stärken zu entdecken – besonders berührte sie dabei der Satz eines Schülers: „Ich wusste vorher gar nicht, ob ich die Anmoderation schaffe. Aber Sie haben gesagt, dass ich das gut kann. Das hat mir Mut gemacht.“ 

Der Grundkurs Deutsch der Gerhart-Hauptmann-Schule mit Kursleiterin und Studiendirektorin Alexandra Baum wurde für den Podcast über seine Abitur-Lektüre im Rahmen der Leipziger Buchmesse mit dem BÜCHERALARM-Award ausgezeichnet; Foto-Credit: Gudrun Hausl

Die Begegnung mit Autorin Jenny Erpenbeck wurde für viele zu einem Schlüsselmoment: Literatur erschien nicht mehr als abstraktes Unterrichtsthema, sondern als lebendiger Dialog zwischen Autorin und Lesenden. „Dass wir mit der Autorin Jenny Erpenbeck persönlich sprechen konnten, war ein absolutes Highlight“, betonte eine mitwirkende Schülerin. Es war eine Begegnung, die nicht nur die literarische Auseinandersetzung vertiefte, sondern auch einen nachhaltigen Zuwachs an Selbstwirksamkeit, Motivation und persönlicher Erfahrung bedeutete.

Schülerinnen und Schüler treffen Autorin Jenny Erpenbeck auf der Leipziger Buchmesse persönlich; Foto-Credit: privat

Auch langfristig wirkt das Projekt nach – in der Schule, wo das technische Equipment nun für weitere Podcast-Projekte genutzt wird, wie auch in den Köpfen der Lernenden, die erfahren haben, dass ihre Stimme zählt. 

Das Projekt zeigt beispielhaft, wie moderner Deutschunterricht gelingen kann: Praxisnah, partizipativ, interdisziplinär und inspirierend – ein Modell, das Leseförderung und Medienbildung erfolgreich verbindet und Jugendlichen den Mut gibt, mit (ihrer) Sprache in die Öffentlichkeit zu treten. Es ist ein ausgezeichnetes Beispiel für Unterricht, der Jugendliche nachhaltig für Literatur begeistert.

Weiterführende Links

Aus den Gutachten

„Neue Wege für den Literaturunterricht zu suchen, Interpretieren nicht als Selbstzweck, sondern als Ausgangspunkt für Diskussion und Darstellung im öffentlichen Raum – wunderbar!“ 

„Literatur als gesellschaftliches Phänomen zu begreifen, das sich eben nicht nur in versponnenen Hinterstuben abspielt, muss in diesem Projekt als beispielhaft gelungen gelten.“ 

„Sehr hohe und gut begründende Anknüpfung an aktuelle Lehrpläne und der für die nächsten drei Abiturjahrgänge bundesweit relevanten Literatur (Heimsuchung von Jenny Erpenbeck, 2008). Für die Schüler eine neue, motivierende Herangehensweise an ‚Literatur‘.“ 

 

Eckdaten

Schule: Gerhart-Hauptmann-Schule Griesheim
Bundesland: Hessen
Jahrgangsstufe: 13. Klasse bzw. Q3
Fächer: Deutsch, Informatik