Preisträger

Unterricht innovativ
2025
1. Preis

„Schillerwerk eSG – zusammen einzigartig“

Jana Rotthoff und Heidi Rupieper

v.l.n.r. Heidi Rupieper, Jana Rotthoff; Foto-Credit: Deutscher Lehrkräftepreis

Projektbeschreibung

Die Schülergenossenschaft „Schillerwerk“ an der Schillerschule Oberhausen ist ein innovatives, handlungsorientiertes Unterrichtsprojekt für die Berufspraxisstufe (Sekundarstufe II) der Förderschule mit dem Schwerpunkt Geistige Entwicklung. Sie verfolgt das Ziel, Schüler praxisnah auf ein selbstbestimmtes und verantwortungsbewusstes Leben vorzubereiten. Die Genossenschaft wurde im Schuljahr 2024/2025 gegründet, um die vorhandenen Lernangebote (Schülerfirma „Kochen“, Geschäftsfelder „Wäsche“ und „Garten“, Schülercafé „Hasencafé“) zu professionalisieren, demokratisch zu organisieren und nachhaltig zu verankern. Dabei werden zentrale pädagogische Zielsetzungen der Berufspraxisstufe umgesetzt: Selbstständigkeit, Verantwortungsbewusstsein, Teamarbeit, Sozialkompetenz, lebenspraktische Fähigkeiten und demokratisches Handeln.

Geschäftsfelder der Schülergenossenschaft; Foto-Credit: Schillerwerk

Das Projekt ist fest im Stundenplan verankert. In wöchentlichen Arbeitsgemeinschaften übernehmen die Schüler Aufgaben in den unterschiedlichen Geschäftsfeldern: haushaltsnahe Dienstleistungen wie Wäsche, Gartenpflege und Seniorenarbeit, Schulverpflegung und Gastronomiebetrieb, Handwerk (Holz, Metall, Textil, Kunst), Eventmanagement sowie Lebensmittelproduktion und -verkauf. Die einzelnen Teams rotieren regelmäßig, um individuelle Interessen und Stärken zu berücksichtigen und eine umfassende Kompetenz-Entwicklung zu ermöglichen. In Versammlungen werden Entscheidungen demokratisch getroffen, Gremien wie Vorstand und Aufsichtsrat gewählt und Probleme gemeinsam reflektiert. Die Lehrkräfte agieren ausschließlich als beratende Begleiter, wodurch Eigenverantwortung und Selbstwirksamkeit konsequent gefördert werden.

Schulverpflegung; Foto-Credit: Schillerwerk
Haushaltsnahe Dienstleistungen; Foto-Credit: Schillerwerk
Handwerk; Foto-Credit: Schillerwerk
Logo der Schülergenossenschaft „Schillerwerk“; Foto-Credit: Schillerwerk

Das Besondere

Das herausragende Merkmal von „Schillerwerk“ liegt in der Verknüpfung von realen wirtschaftlichen Aktivitäten, demokratischer Mitbestimmung und inklusiver Bildungsarbeit. Schüler übernehmen echte Verantwortung und erleben gelebte Demokratie: Jede Stimme zählt, Ideen werden eingebracht, Entscheidungen basisdemokratisch getroffen. Die Satzung wurde in Leichter Sprache erstellt, damit alle Schüler unabhängig von sprachlicher oder kognitiver Leistungsfähigkeit teilnehmen können. Diese Barrierefreiheit schafft gleiche Chancen zur Mitgestaltung und vermittelt ein tiefes Verständnis von wirtschaftlichem und sozialem Handeln. 

Das Projekt ist stark fächerübergreifend: Inhalte aus Hauswirtschaft, Technik, Wirtschaft, Gartenbau, Kunst, Kommunikation, Sozialtraining, digitaler Bildung und politischer Bildung werden miteinander verzahnt. Ein Beispiel ist die Öffentlichkeitsarbeit: Die Gestaltung von Plakaten und Social-Media-Beiträgen erfordert künstlerische Fähigkeiten, technisches Wissen und Kommunikationskompetenz. Gleichzeitig werden Demokratiebildung und Nachhaltigkeit in allen Geschäftsfeldern aktiv erfahrbar. Durch die Kombination von Theorie und Praxis wird Unterricht lebensnah, motivierend und sozial wirksam.

Hasencafé in der Hasenstraße, Oberhausen; Foto-Credit: Schillerwerk
AG Schillerwerk am Werk für Social-Media; Foto-Credit: Schillerwerk

Teamarbeit spielt eine zentrale Rolle – auf mehreren Ebenen: Schülerinnen arbeiten in Kleingruppen innerhalb der Geschäftsfelder, Lehrkräfte koordinieren die Projekte multiprofessionell, und externe Partnerinnen wie Betriebe, Vereine und die Stadt Oberhausen werden einbezogen. Die Zusammenarbeit fördert soziale Kompetenz, gegenseitige Verantwortung und Kooperationsfähigkeit. Schülerinnen und Schüler erleben, dass sie gemeinsam mehr erreichen können als allein, und erfahren das Gefühl von Zugehörigkeit und Wertschätzung.

Die Genossenschaft unterscheidet sich bewusst von klassischen Schülerfirmen: Durch eine rechtlich abgesicherte Satzung, regelmäßige Prüfungen durch den Genossenschaftsverband e.V. und die klare Strukturierung entsteht langfristige Nachhaltigkeit. Die Schülerinnen und Schüler gestalten die Genossenschaft selbst, angeleitet von Lehrkräften, die zwischen Beobachtung und gezielter Unterstützung agieren. Dieser professionelle Rahmen ermöglicht reale Erfahrungen in Planung, Kalkulation, Kundenkontakt, Produktion und Service, die weit über schulische Lernsettings hinausgehen. 

„Schillerwerk“ verbindet ökonomisches, ökologisches und soziales Lernen, demokratische Teilhabe und individuelle Förderung auf einmalige Weise. Das Projekt aktiviert die Schülerinnen, stärkt Selbstbewusstsein und Selbstwirksamkeit, eröffnet Perspektiven für die Arbeitswelt und fördert die gesellschaftliche Teilhabe. Inklusion und nachhaltiges Handeln werden praktisch erfahrbar, wodurch die Schülerinnen und Schüler sowohl in der Schule als auch darüber hinaus sichtbare und wertgeschätzte Rollen übernehmen können.

Erfahrungen und Ergebnisse

Die Arbeit in der Genossenschaft „Schillerwerk“ zeigt nachhaltige positive Effekte auf die Lernenden, die über fachliche Kompetenzen hinausgehen. Schülerinnen und Schüler entwickeln Selbstständigkeit, Teamfähigkeit, Verantwortungsbewusstsein, Kommunikationskompetenz und Problemlösefähigkeiten. Sie erleben direkte Wirkung ihres Handelns, etwa beim Verkauf selbst hergestellter Produkte oder beim Kundenservice im Café, was das Selbstvertrauen erheblich stärkt. Viele berichten stolz, „Teil von etwas Echtem“ zu sein, und erleben erstmals gesellschaftliche Anerkennung und Wertschätzung.

Die Teilnahme an demokratischen Prozessen in der Genossenschaft vermittelt praxisnahes Demokratieverständnis. Schülerinnen und Schüler lernen, Kompromisse zu finden, Regeln einzuhalten, Entscheidungen gemeinsam zu tragen und Verantwortung für Gruppenentscheidungen zu übernehmen. Die regelmäßigen Versammlungen und Gremienwahlen fördern politisches und soziales Lernen auf Augenhöhe. Die systematische Beobachtung, Dokumentation und Selbstreflexion innerhalb der Geschäftsfelder unterstützt die Schülerinnen und Schüler dabei, Fortschritte zu erkennen, eigene Stärken zu identifizieren und Entwicklungsbedarfe zu benennen.

Das Projekt fördert lebenspraktische und berufsrelevante Kompetenzen gleichermaßen. Die Jugendlichen erwerben Alltagsfähigkeiten wie Kochen, Waschen, Einkaufen und Gartenarbeit, verknüpft mit wirtschaftlichen Aspekten wie Preisgestaltung, Kalkulation, Materialverwaltung und Serviceprozesse. Gleichzeitig werden nachhaltige Handlungsweisen eingeübt, darunter Müllvermeidung, regionaler Einkauf, Wiederverwertung und energiesparendes Arbeiten. Durch externe Cateringaufträge, Verkaufsaktionen und Kooperationen mit Betrieben erhalten die Schülerinnen und Schüler realistische Einblicke in den Arbeitsmarkt und können ihre beruflichen Interessen und Stärken erproben. Besonders leistungsstarke Schülerinnen und Schüler übernehmen komplexere Aufgaben und können Perspektiven für Werkstätten, Außenarbeitsplätze oder den ersten Arbeitsmarkt entwickeln.

Die Genossenschaft wirkt auch gesellschaftlich: Sie schafft Begegnungsräume zwischen Menschen mit und ohne Behinderung, fördert Inklusion, reduziert Vorurteile und stärkt die Teilhabe der Schülerinnen und Schüler am sozialen Leben. Eltern, Lehrkräfte und externe Partnerinnen und Partner berichten von gestiegenem Selbstbewusstsein, Motivation und sozialer Kompetenz der Teilnehmenden. Zudem wird das Projekt als Modell für Nachhaltigkeit und Bildung für nachhaltige Entwicklung wahrgenommen, da alle Geschäftsfelder ressourcenschonend arbeiten, ökologische Prinzipien umgesetzt und die globalen SDGs integriert werden.

Insgesamt zeigt „Schillerwerk“, dass ein handlungsorientiertes, inklusives und demokratisch organisiertes Unterrichtsprojekt Schülerinnen und Schüler mit besonderem Förderbedarf nachhaltig aktiviert, ihre Selbstwirksamkeit stärkt und sie auf ein selbstbestimmtes, verantwortungsvolles Leben vorbereitet. 

Die Verknüpfung von fachlichen, sozialen und lebenspraktischen Lerninhalten, gepaart mit realer Wirkung und gesellschaftlicher Anerkennung, macht das Projekt zu einem zukunftsweisenden Modell für andere Förderschulen und inklusive Bildungseinrichtungen. Die modulare und barrierearme Struktur gewährleistet dabei Übertragbarkeit, langfristige Wirkung und Anpassungsfähigkeit an unterschiedliche schulische Kontexte.

Weiterführende Links

  • Projekt „Schülergenossenschaften: nachhaltig wirtschaften – solidarisch handeln“, eine Initiative der genossenschaftlichen Prüfungsverbände Genoverband e. V.: https://schuelergeno.de/  

Aus den Gutachten

„Sämtliche Rubriken werden thematisch nachvollziehbar, transparent und sehr ausführlich erklärt. In fast jeder Zeile erkennt man den Mehrwert des Projekts für die Schülerinnen und Schüler. Zudem ist ein roter Faden im Aufbau deutlich zu erkennen, mit dem die verschiedenen Themen noch leichter nachvollziehbar werden.“

Den Gutachtern zufolge zeichnet sich das Projekt besonders durch „unternehmerisches Handeln, Berufsorientierung, gelebte Inklusion, Vorbereitung für den Berufsalltag, Miteinander und soziales Lernen verbunden mit individueller Stärkenbildung“ aus.

Eckdaten

Schule: Schillerschule Oberhausen – Förderschule mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung
Bundesland: Nordrhein-Westfalen
Jahrgangsstufe: Berufspraxisstufe (Sek II)
Fächer: Berufsvorbereitung, Hauswirtschaft, Technik, Wirtschaft, Sprache und Kommunikation, Mathematik