Preisträger

Unterricht innovativ
2023
Sonderpreis „Kulturelle Bildung” der PwC-Stiftung

„Einsichten. Aussichten. Ein ortsspezifisches Ausstellungsprojekt“

Lenny Liebig mit Laura Berressem und Annika Stuckmann

Foto-Credit: Heraeus Bildungsstiftung

Projektbeschreibung

In Zeiten zunehmender Beschleunigung werden insbesondere Jugendliche tagtäglich mit einer Vielzahl von Medienangeboten konfrontiert, die aufgrund limitierter Aufmerksamkeitsressourcen immer flüchtiger konsumiert werden. Eine nachhaltige Auseinandersetzung mit den dargebotenen Inhalten findet demnach kaum noch statt. Das aus dem Kunstunterricht resultierende Projekt von Lenny Liebig, Laura Berressem und Annika Stuckmann setzt hier an und zielt auf einen beobachtenden Zugang und eine gestaltende Auseinandersetzung mit der individuellen Lebenswelt ab. Erfahrungsorientiert lernen Schülerinnen und Schüler (SuS) im Projekt „Einsichten. Aussichten.“, sich mit verschiedenen Sinnen – angelehnt an das didaktische Konzept des Mappings – mit ihrem Lebensort auseinanderzusetzen und dabei neue Perspektiven einzunehmen.

Dabei orientierte sich das Projekt zunächst an den Vorgaben des Rahmenlehrplans, indem analytisch-konzeptionelle Grundlagen und die fachmethodischen Kompetenzen in der Rezeption und Gestaltung von Fotografien diagnostiziert und kultviert wurden. Bereits in der ersten Sequenz zeigten sich dabei vielfältige Anknüpfungspunkte an die Lebenswelt der SuS – so dokumentierten diese beispielsweise ihren Alltag mittels eigener Fotografien, die im Unterricht hinsichtlich der fotografischen Gestaltungsmittel ausgewertet wurden. Innerhalb der zweiten Sequenz erwarben die SuS Kompetenzen in der Auseinandersetzung mit exemplarischen Werken von Thomas Struth und Andreas Gursky. So setzten sie sich u. a. kritisch mit der Frage auseinander, inwiefern der Fotograf Thomas Struth seine Fotografien konstruiert, indem sie geeignete Werke auswählten und diese eigenständig reinszenierten. Durch den Nachvollzug der konzeptionellen Herangehensweise konnten sie die komplexe Fragestellung zunehmend beurteilen. Der zunehmende Kompetenzaufbau gewährleistete nicht nur ein breites methodisches Repertoire, auf das die SuS zurückgreifen können, und zentrale fachliche Grundkompetenzen im Umgang mit zeitgenössischer Fotografie – er ermöglichte es auch, sie für das offene Ateliersetting in der dritten Sequenz zu befähigen. Aufgrund der hohen Motivation der SuS entschlossen sich die Lehrkräfte dazu, ein kursübergreifendes Ausstellungsprojekt anzustreben.

Angelehnt an die didaktischen Methoden der ästhetischen Forschung und des Mappings begann die Projektarbeit mit einer Begehung des Ausstellungsraums, des Theaters Gütersloh, die ein Ausloten des Möglichen zum Ziel hatte. Innerhalb der Ideenfindungsphase ergab sich konsensuell die Idee einer raumdarstellenden und raumgreifenden Ausstellung an den riesigen Fensterfronten des Theaterkubus in der Gütersloher Innenstadt.

Der Unterricht verlief in der Projektphase dann über mehrere Wochen so, dass sich die SuS zunächst kursübergreifend thematisch ausprobieren konnten und nach einer gemeinsamen Sichtung in Form eines World Cafés dann in inhaltlichen Gruppen, wie z.B. „Schönheit der Dunkelheit“ oder „Spiegelungen“ zusammenfanden, deren Schwerpunkte sich aus den Interessen der SuS ergaben. Im weiteren Verlauf arbeiteten die SuS teils vor Ort am Theater, teils in der Schule. Sie produzierten ihre fotografischen Ergebnisse und planten in der Kleingruppe die Hängung am gewünschten Ort im Theater. Regelmäßige Zwischenevaluationen und ein offener Materialpool unterstützen die SuS bei der Bewältigung der Herausforderung, in einem hohen Maße selbstreguliert künstlerisch zu arbeiten. Schließlich wurde die Ausstellung mit den fotografischen Ergebnissen vor Ort kuratiert. Auch den weiteren Rahmen, etwa Einladungskarten für die Ausstellungseröffnung, gestalteten die SuS eigenständig in höchster Motivation.

Nach einer feierlichen Eröffnung war die Ausstellung auch während der Gütersloher „LangeNachtDerKunst“ öffentlich zu sehen, was für die SuS eine besondere Würdigung darstellte. Parallel zu der Erarbeitung dokumentierten und reflektierten die SuS ihre individuellen Ergebnisse und die Gruppenergebnisse in einem wahlweise analogen oder digitalen Portfolio. Darin beschrieben viele SuS die Projektarbeit insbesondere mit der abschließenden öffentlichen Ausstellung als ,,sehr sinnstiftende und inspirierende Zeit“.

Ausstellungsplakat
Ausstellungsplakat
Auszüge aus den Schülerportfolios
Auszüge aus den Schülerportfolios

Das Besondere

Durch die Öffnung des Unterrichts für ein offenes Ateliersetting, das Raum bietet, Ideen und Gestaltungsprozesse entstehen zu lassen, entstand mit dem Projekt ein neues Vermittlungsformat. In diesem agierten die Lehrkräfte als moderierende Lernbegleitung. Sie gaben zentrale Steuerungsaspekte an die SuS ab und sorgten so für ein Vertrauen, das die SuS zusätzlich bestärkte. Dieses Lernsetting zeichnete sich durch zahlreiche methodische Öffnungen aus, wie z.B. das Word Café und die kursübergreifende Kooperation. Während des Unterrichtsprojekts steigerte sich zunehmend die Eigenverantwortlichkeit der SuS hin zu einer „Do-it-yourself-Struktur“ mit einem hohen partizipativen Aufforderungscharakter. Indem zudem ein öffentlicher Ausstellungsort als außerschulischer Lernort hinzugezogen wurde (institutionelle Öffnung), erhielt das Projekt eine besondere Würdigung, die die SuS stark motivierte und ein verbindliches (Lern-)Ziel setzte. Sie lernten in einem authentischen Lernsetting, indem sie sich mit dem eigenen Alltag und Lebensraum synästhetisch auseinandersetzen und dabei wesentliche interkulturelle Kompetenzen erwerben konnten. Durchweg trafen sie die gestalterischen Entscheidungen gemeinschaftlich und bewältigten die Aufgaben mit einer hohen Eigenständigkeit. Die verschiedensten Aufgaben boten dabei Gelegenheit, stärkenorientiert partizipatorisch zu arbeiten und Selbstwirksamkeit zu erfahren. Die SuS wurden als Akteurinnen und Akteure mit ihrem Beitrag zur kulturellen Bildung öffentlichkeitswirksam wahrgenommen und durch die Sichtbarmachung gestärkt.

Erfahrungen und Ergebnisse

Die SuS konnten sich innerhalb des Unterrichtsprojekts nicht nur lehrplanbezogen mit der fotografischen Konstruktion von Wirklichkeit beschäftigen und dabei wesentliche fachliche Kompetenzen im Umgang mit (fotografischen) Bildern erwerben und vertiefen, sondern sich persönlichkeitsbildend weiterentwickeln. Auf inhaltlicher Ebene bot das Projekt Anlass, sich ausgehend von dem Stadtraum mit der eigenen Identität auseinanderzusetzen. „Was ist Heimat für mich?“ „Wie nehme ich meinen Wohnort wahr?“ Darüber hinaus leistete das Projekt einen wesentlichen Beitrag zur Festigung von Selbstvertrauen. Die SuS konnten in authentischen Lernsettings erfahren, welche Stärken sie besitzen, und diese gewinnbringend in die Teamarbeit einbringen. Dabei gestaltete sich die Zusammenarbeit nicht immer einfach. Durch die inhaltlichen Differenzen innerhalb der Arbeitsgruppe erwarben die SuS wichtige Konfliktlösestrategien, die sie zum Beispiel in ihrem späteren Berufsleben nutzen können. Die Spannung zwischen individueller Arbeit und der kollaborativen Umsetzung bedeutete einen großen Spagat, der sich als eine produktive Herausforderung erwies.

Anders als die eingangs erwähnten Medienangebote, die SuS tagtäglich konsumieren, werden die SuS innerhalb des Projekts sensibilisiert, sich buchstäblich ein eigenes Bild ihres Lebensraume zu machen. Durch die ortsspezifische Arbeit im und mit dem Ausstellungsraum findet eine synästhetische, in einem hohen Maße erfahrungsorientierte Auseinandersetzung mit dem Atmosphärischen statt. Die Grenzauflösung, die mit dem Atmosphärischen einhergeht, trägt dabei als fruchtbarer Moment zur Imagination bei – die kontinuierliche Förderung Letzterer befähigt zum kreativen und kritischen Denken als einer zeitgenössischen Kernkompetenz.

Ausgestellte Fotografien der SuS

Ausgestellte Fotografien der SuS

Ausgestellte Fotografien der SuS

Ausgestellte Fotografien der SuS
Ausgestellte Fotografien der SuS

Aus den Gutachten

„In diesem multiperspektivischen Unterrichtsprojekt werden eine Reihe affektiver Lernziele erreicht, indem die Schülerinnen und Schüler als Kulturakteure auftreten. Grundlage des produktorientierten Unterrichts, der die Partizipation am städtischen Kulturbetrieb beinhaltet, ist ein konsequenter und transparenter Lehrplanbezug.“

„Ein tolles Projekt beidem den SuS gezeigt wird, wie Schule auch sein kann. Dies wird ein Projekt sein, dass sie Aufgrund der Arbeitsprozesse, der Reflexion und der Ausstellung nicht vergessen werden.“

Eckdaten

Schule: Janusz Korczak – Gesamtschule Gütersloh
Bundesland: Nordrhein-Westfalen
Jahrgangsstufe: vor allem Jahrgang 12 (Q1)
Fächer: Kunst, auch: Darstellen und Gestalten, Geschichte, Deutsch
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