Preisträger

Unterricht innovativ
2025
Sonderpreis „Kulturelle Bildung” der PwC-Stiftung

„Für die Freiheit! 1525-2025“ Jubiläumstheater 500 Jahre Bauernkrieg

Dieter Maucher und Marcus Pfab
Projektteam:

Heike Döller, Matthias Dolpp, Christoph Keuchel und Marcus Selg u.v.m. (insgesamt 52 beteiligte Lehrkräfte)

D. Maucher: Kulturbeauftragter und Projektleitung
M. Pfab: Schulleiter
H. Döller: Chorleiterin
M. Dolpp: Leiter Fanfarenzug
C. Keuchel: Dirigent Schulorchester
M. Selg: Stv. Schulleiter

v.l.n.r. Christoph Keuchel, Heike Döller, Marcus Pfab, Dieter Maucher; Foto-Credit: Deutscher Lehrkräftepreis

Projektbeschreibung

Das Jubiläumsprojekt „Für die Freiheit! 1525–2025“ der Dollinger-Realschule Biberach verknüpft kulturelle Bildung, historische Aufarbeitung und Demokratie-Erziehung zu einem einzigartigen Lern- und Gemeinschaftserlebnis. Anlässlich des 500-jährigen Jubiläums des Bauernkriegs gestalteten über 170 Mitwirkende – Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte, Eltern sowie außerschulische Partnerinnen und Partner – ein groß angelegtes Theaterprojekt, das Geschichte lebendig und erfahrbar macht. 

Die Beteiligten arbeiteten über mehrere Etappen hinweg an einem interdisziplinären Gesamtwerk: 

  • Erste Planungsphase: Das Projekt wurde im Oktober 2023 initiiert. Lehrkräfte wie Schülerinnen und Schüler entwickelten gemeinsam Konzept und Text, recherchierten historische Hintergründe des Bauernkriegs und diskutierten die Relevanz der damaligen Forderungen für die Gegenwart. So wurde ein Theaterstück geschaffen, das Vergangenheit und Gegenwart durch drei Spielebenen – historisch, gegenwärtig und erzählerisch – miteinander verbindet.  
  • Casting und Probenarbeiten: Ab Oktober 2024 wurden die Theaterprofilklassen in der Theater-AG, das Schulorchester, der Schulchor und der Schulfanfarenzug zu einem großen Ensemble zusammengeführt. Die Schüler übernahmen Rollen, musizierten, gestalteten Bühnenbilder und kümmerten sich um Technik, Kostüme und Öffentlichkeitsarbeit. In enger Zusammenarbeit mit der Historiengruppe „Baltringer Haufen“, die zugleich ihr 50-jähriges Bestehen feierte, entstand ein generationen-übergreifendes Gemeinschaftsprojekt.
Probentag in Rot an der Rot; Foto-Credit: Daniel Brockner
Schulorchester bei der Premiere in der Schulaula; Foto-Credit: Frank Mosthof
  • Kompakte Probenphase: Im März 2025 wurden erstmals alle Szenen zu einem Gesamtablauf zusammengefügt. Die intensiven Probentage mit Übernachtung boten Raum für Teamtraining, Reflexion und gegenseitiges Feedback – ein wichtiger Meilenstein für das Gemeinschaftsgefühl des Ensembles.
  • Die Premiere fand am 16. Mai 2025 in der Aula der Schule statt, weitere Aufführungen folgten u.a. im Museumsdorf Kürnbach und in der Klosterkirche Heggbach. Insgesamt wurden sieben ausverkaufte Vorstellungen mit rund 2.500 Zuschauer gespielt. Die Erlöse gingen an den Förderverein der Dollinger-Realschule und an soziale Einrichtungen der St.-Elisabeth-Stiftung.
Große Freilichtbühne bei der Aufführung im Museumsdorf Kürnbach; Foto-Credit: Frank Mosthof

Inhaltlich thematisiert das Stück den Bauernkrieg als Kampf um Freiheit, soziale Gerechtigkeit und Mitsprache. Es erzählt vom Entstehen der „Zwölf Artikel“ von 1525, den ersten formulierten Menschen- und Freiheitsrechten Europas, und stellt durch eine moderne Rahmung Bezug zur Gegenwart her: Nachrichtensendungen, Interviews und Kommentatoren verdeutlichen, dass die damaligen Forderungen nach Teilhabe und Gerechtigkeit bis heute aktuell sind. Durch Musikstücke wie „Die Gedanken sind frei“, „Freiheit“ oder „Von guten Mächten“ wird eine emotionale Verbindung zwischen Geschichte und Gegenwart geschaffen.

Das Projekt verband unterrichtliche Arbeit und praktische Umsetzung eng miteinander. In Fächern wie Geschichte, Deutsch, Musik, Kunst, Ethik, Politik und Technik wurden Themen, Hintergründe und Gestaltungselemente erarbeitet. So erlebten die Schüler interdisziplinäres Lernen als gelebte Praxis. Die Arbeit förderte Selbstwirksamkeit, Kreativität, Verantwortung und Teamgeist – Eigenschaften, die weit über die Aufführung hinauswirken. So wurde Schule zum lebendigen Kulturort, an dem Lernen, Gestalten und gesellschaftliche Teilhabe zu einer Einheit verschmelzen.

Das Besondere

Das Besondere dieses Projekts liegt in seiner ganzheitlichen und innovativen Verbindung von Kultur, Bildung und Demokratie. „Für die Freiheit! 1525 – 2025“ ist weit mehr als ein Schultheaterstück – es ist ein kulturelles und gesellschaftliches Ereignis, das Unterricht, Schulentwicklung und regionale Bildungslandschaft nachhaltig verknüpft. 

Ein zentraler Innovationsaspekt ist die Verzahnung von historischem Lernen und kreativem Ausdruck. Geschichte wird nicht als fertiger Stoff vermittelt, sondern als lebendiger Prozess erfahrbar gemacht. Die Schüler werden zu forschenden Gestaltern, die historische Quellen interpretieren, Figuren entwickeln und ihre eigene Haltung zu Freiheit und Gerechtigkeit reflektieren. 

Die Inszenierung nutzt mehrere mediale Ebenen: Klassische Spielszenen wechseln mit modernen Nachrichten-Einblendungen, Kommentaren und musikalischen Elementen. Dadurch entsteht ein dialogischer Raum zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Diese multiperspektivische Darstellung eröffnet neue Zugänge zu Demokratiebildung und politischer Mündigkeit.

Moderne Protestszene bei der Aufführung im Museumsdorf Kürnbach; Foto-Credit: Frank Mosthof
Schülerinnen in einer Nachrichteneinblendung; Foto-Credit: Frank Mosthof

Zudem ist das Projekt generationen- und institutionenübergreifend angelegt. Neben Schülerinnen und Schülern aller Jahrgangsstufen wirkten Lehrkräfte, Eltern, Ehemalige, die Historiengruppe „Baltringer Haufen“ sowie kulturelle Partnerinnen und Partner wie das Museumsdorf Kürnbach, das Landesmuseum Stuttgart, die Gesellschaft Oberschwaben und das Schauspiel Stuttgart mit. Diese Kooperationen führten zu einem Lernnetzwerk, das weit über die Schule hinauswirkt.

Protest mit Bauern des Baltringer Haufens; Foto-Credit: Daniel Brockner
Schlussbild der Aufführung im Museumsdorf Kürnbach; Foto-Credit: Frank Mosthof

Ein weiteres Alleinstellungsmerkmal ist die Inklusion und Vielfalt der Beteiligten. Durch die Zusammenarbeit mit der St.-Elisabeth-Stiftung wurde der Kontakt zu Menschen mit Behinderung bewusst gesucht und gepflegt. So entstand ein Projekt, das kulturelle Teilhabe und soziale Verantwortung konkret lebt. 

Das Projekt steht exemplarisch für das Landesprogramm „Kulturschule Baden-Württemberg“: Kulturelle Bildung ist hier nicht Zusatz, sondern integraler Bestandteil schulischer Identität. Theater, Musik und Kunst sind gleichberechtigt mit den klassischen Unterrichtsfächern verknüpft und prägen das Profil der Schule nachhaltig.  

Auch organisatorisch zeigt sich das Projekt besonders: Von der Planung über Regie, Technik, Kostüm bis zur Öffentlichkeitsarbeit übernahmen Schülerinnen und Schüler wesentliche Aufgaben selbst. Sie lernten, Verantwortung zu tragen, Entscheidungen zu treffen und im Team zu handeln – Kompetenzen, die weit über das Theater hinaus bedeutsam sind.  

Die Aufführungen an authentischen historischen Orten wie Klosterkirchen und Museumsdörfern verliehen dem Projekt eine starke symbolische Wirkung. Geschichte wurde dort inszeniert, wo sie tatsächlich stattfand – ein Lernsetting, das emotional berührt und authentisches Lernen ermöglicht. 

Nicht zuletzt ist das Projekt Ausdruck einer gelebten Schulgemeinschaft. Lehrkräfte, Schulleitung, Förderverein, technisches Personal und Eltern engagierten sich mit außergewöhnlichem Einsatz. Besonders die aktive Unterstützung durch den Schulleiter und sein Team trug maßgeblich dazu bei, dass die Schule zu einem Ort kultureller Begegnung und demokratischer Bildung wurde. 

Erfahrungen und Ergebnisse

Die Erfahrungen aus dem Projekt sind vielschichtig und prägend – sowohl für die Beteiligten als auch für die gesamte Schulkultur. Zunächst zeigte sich, wie stark kulturelle Bildung Persönlichkeitsentwicklung fördern kann. Die Schülerinnen und Schüler erlebten sich als wirksam, kreativ und verantwortungsvoll. Sie wuchsen über sich hinaus, lernten Teamarbeit, Selbstdisziplin, Durchhaltevermögen und Konfliktfähigkeit. Viele gaben an, zum ersten Mal gespürt zu haben, wie gemeinsames Engagement etwas Großes hervorbringen kann. 

Gleichzeitig wurde das Projekt zu einem Katalysator schulischer Entwicklung. Die Zusammenarbeit zwischen Theater-, Bläser- und Chorprofilen stärkte die interdisziplinäre Kooperation und führte zu einer dauerhaften Vernetzung kultureller Angebote. Das Projekt diente als Modell für weitere fächerübergreifende Formate und festigte die Rolle der Schule als Kulturschule mit demokratischem Auftrag. 

Auch auf regionaler Ebene entfaltete das Projekt nachhaltige Wirkung. Die enge Kooperation mit Museen, Kulturinstitutionen und Stiftungen schuf ein stabiles Netzwerk kultureller Bildung in Oberschwaben. Die Aufführungen im öffentlichen Raum machten Schule sichtbar als aktiven Kulturträger und förderten den gesellschaftlichen Zusammenhalt. 

Pädagogisch erwies sich die Verbindung von ästhetischem Lernen und politischer Bildung als besonders wirksam. Durch das Darstellen, Spielen und Reflektieren historischer Konflikte erlangten die Jugendlichen ein tieferes Verständnis für Themen wie Macht, Gerechtigkeit, Verantwortung und Widerstand. Die Auseinandersetzung mit den „Zwölf Artikeln“ führte zu Diskussionen über Menschenrechte und Demokratie heute – ein Lernprozess, der kognitive, emotionale und soziale Dimensionen vereinte. 

Auch die Evaluation bestätigte die hohe Wirksamkeit: Sieben restlos ausgebuchte Aufführungen, rund 2.500 Besucher, begeisterte Rückmeldungen aus Presse und Öffentlichkeit sowie eine deutliche Stärkung des Selbstbewusstseins der Beteiligten sprechen für sich. 

Die nachhaltige Wirkung zeigt sich auf mehreren Ebenen:  

  • Strukturell wurde kulturelle Bildung fest in der Schulentwicklung verankert.  
  • Individuell stärkte das Projekt Kompetenzen, Selbstvertrauen und demokratische Haltung.  
  • Regional entstanden dauerhafte Bildungskooperationen.  
  • Gesellschaftlich setzte das Projekt ein Zeichen für Freiheit, Vielfalt und Teilhabe.  

Langfristig prägt „Für die Freiheit! 1525 – 2025“ die Schule als lernende Gemeinschaft, in der kulturelle Bildung gelebte Demokratie ist. Die Schülerinnen und Schüler lernten, dass Freiheit und Gerechtigkeit keine historischen Begriffe sind, sondern fortwährende Aufgaben. Damit wurde das Theaterprojekt zu einem Beispiel für Bildung, die Wissen, Haltung und Handeln verbindet – ein lebendiger Beitrag zu einer Schule für die Freiheit.  

Weiterführende Links

Aus den Gutachten

„Eine sehr gelungene Schulaufführung, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander verbindet.“ 

Die Gutachter loben das Projekt als herausragendes Beispiel, das „kulturelle, historische und politische Bildung vereint in kreativer und kooperativer Arbeitsweise“, den „Bezug früher und heute“ eindrucksvoll herstellt und durch die „Vermittlung gesellschaftspolitischer Werte“ nachhaltig wirkt.

 

Eckdaten

Schule: Dollinger-Realschule Biberach
Bundesland: Baden-Württemberg
Jahrgangsstufe: Klassen 5-10
Fächer: Kulturschule; Theaterprofil, Bläserprofil/Schulorchester, Theater-AG; Geschichte, Politik, Kunst, Technik